Abschied


Der größte Fehler ist zu glauben, dass Zeit ein bedingungsloser Freund ist.

Wenn jemand Nahstehendes von uns geht, wird man plötzlich zum Innehalten gezwungen. Man wird aus dem Alltag, aus dem Strudel raus gerissen und denkt nach. Man hinterfragt vieles und sich selbst. Und man fragt nach dem Warum.

Vor Wochen stieg ich in den Flieger nach Vietnam um mich von meinem Großvater zu verabschieden. Es war eine plötzliche Nachricht, die mich halten ließ. Plötzlich betrachtete ich mein Leben aus einer fremden Über-Ich-Perspektive – als hätte ich das Bingewatching einer Serie pausiert, um mehr über die Serie, die Charaktere selbst zu lesen und zu erfahren.

Ich pausierte mein Leben, meinen Alltag und hielt inne. Ich dachte viel nach. Über meine Liebsten. Meine Zeit. Und wie beides in meinem Leben zueinander steht. Ich hinterfragte mich selbst. 

Ich musste während der kurzen Woche in Saigon viel an die Geschichte "The Empty Jar" denken und mir eingestehen, dass mir meine persönlichen Golfbälle im Alltag aus dem Fokus entgleiten. Ich wusel mir meine 24 Stunden, sieben Tage die Woche davon, um dann in solchen Momenten erkennen, was ich um mich herum vergessen habe. Ich bin beispielsweise die Freundin, die sich monatelang nicht meldet – aber nicht weil ich es böse meine oder mich distanziere, sondern weil ich schlichtweg nicht daran denke. Ich bin beispielsweise die Tochter, die keine Zeit hat sich bei ihren Eltern zu melden, stattdessen aber sinnlose Youtube-Videos anschaut. Ich bin beispielsweise die Enkelin, die bis zum Todestag ihres Großvaters nicht mal wusste wann sein Geburtstag war.

Und das will ich einfach nicht mehr. 

Man denkt immer, dass noch genügend Zeit ist. Niemand würde wegrennen. Nächste Woche, nächster Monat, nächstes Jahr kann man sich auch noch melden, sich treffen, gemeinsame Zeit verbringen oder diesen einen Urlaub machen, dem man seit der Kindheit geplant hat. Aber dem ist so nicht.

Als Gedenken an meinen Großvater habe ich mir noch in Saigon zu meinem ersten Tattoo eine kleine Kirschblüte tätowieren lassen. Ich habe mich für die Bedeutung seines Namens entschieden um ihn nah am Herzen zu tragen. Und um mich selbst an ein Versprechen zu erinnern mein leeres Glas an Zeit stets zuerst mit Familie und Freunden zu befüllen.

Jeder von uns hat 24 Stunden, 1440 Minuten oder 86 000 Sekunden am Tag. Die Frage ist nicht ob man Zeit hat, sondern wo die eigenen Prioritäten liegen. 

Das Merkwürdige ist, dass ich bei dem Schriftzug irgendwann das Gefühl hatte
es wäre irgendwie deplatziert, es würde etwas fehlen.

Jetzt ist es vollkommen.


Kommentare:

  1. Liebe Miu, erst einmal tut es mir sehr leid, dass du deinen Großvater verloren hast. Mich werfen Verluste dieser Art auch total aus der Bahn und ich fange an, mehr über das Leben an sich nachzudenken und zu grübeln. Gelegentlich erwische ich mich auch dabei, meine Zeit sinnlos zu verbringen, aber du hast wirklich recht mit dem was du schreibst, dass Zeit nichts selbstverständliches ist und man keine Garantie hat, dass am nächsten Tag noch alles genauso wie heute ist. Die Ergänzung zu deinem Tattoo finde ich übrigens sehr schön, jetzt scheint es ja auch für dich erst vollkommen zu sein <3 Liebe Grüße, Julia

    AntwortenLöschen
  2. Mein Beileid :( Sowas ist immer traurig und du hast das wirklich gut geschrieben. Das Tattoo finde ich sehr schön!

    AntwortenLöschen
  3. Was für ein schöner und zugleich trauriger Beitrag. Ich finde dein Tattoo sehr hübsch!

    Liebst,
    Andrea

    www.andysparkles.de

    AntwortenLöschen
  4. Das hast du wirklich rührend geschrieben, da bekommt man sofort Gänsehaut. Tut mir wirklich leid das du deinen Großvater verloren hast, da wird einem selbst immer bewusst das man die Zeit mit der Familie doch mehr nutzen sollte.

    AntwortenLöschen
  5. Das tut mir total Leid, ich bin da immer total mitfühlend und bin zu tränen gerührt :(
    Dein Tattoo ist wirklich schön geworden und ich mag es wenn Tattoos so eine art von Bedeutung bzw erinnerung haben :)
    *fühl dich gedrückt*AnnLeeBeauty

    AntwortenLöschen
  6. Mein herzlichen Beileid noch einmal. Das mit deinem Großvater verstehe ich nur allzu gut.In solchen Momenten und Situationen ist es ist völlig normal, dass man zum einen über sein eigenes Leben reflektierter nachdenkt und du hast vollkommen Recht, man sollte sich das stets vor Augen halten, dass unsere Zeit begrenzt ist und das man das Beste daraus machen sollte. Die Idee mit der Kirschblüte finde ich sehr schön!

    AntwortenLöschen
  7. Das tut mir leid :( Wir haben nicht zu wenig Zeit sondern nur Zeit die wir nicht richtig nutzen :) Ein sehr schöner Post!!!!
    Liebe Grüße Nadine von tantedine.de

    AntwortenLöschen
  8. Mein Beileid - ist es nie leicht jemanden zu verlieren. Meine Uroma hat immer gesagt, dass man nichts bereuen und an die schönen Momente denken soll.

    AntwortenLöschen
  9. Auch von mir ein Beileid an dich! Ich weiß es selbst allzu gut, wie es sich anfühlt, wenn man urplötzlich die Nachricht über den Tod eines Familienmitgliedes oder eines Freundes bekommt. :( Eine Freundin von mir ist auch erst im letzten Monat gestorben. Schlimmer noch, sie hat sich überraschend das Leben genommen und keiner von uns hätte das bei ihr für möglich gehalten. Und dann erst beginnt man zu realisieren, dass all die Menschen um uns herum jederzeit von uns gehen können. Man ist es schließlich an den Gedanken gewohnt, dass der Tod eines nahestehenden Menschen in ferner Zukunft liegt. Mich hat dieser Verlust am Anfang auch aus der Bahn geworfen, aber mittlerweile bin ich im Frieden damit, weil ich mir einrede, dass sie nun hoffentlich ihren Frieden gefunden hat.

    AntwortenLöschen
  10. Das tut mir sehr leid!
    Aber ich erkenne mich in deinem Text enorm wieder. Ich bin auch die Person, die Zeit hat Netflix zu schauen, Bloggen, Singen, Sport und Co, aber dann keine Zeit mal für ne Stunde zu den Eltern zu fahren. Alles ist irgendwie immer wichtig und man setzt sich oft selbst so unter Druck, weil man sich so viel vornimmt. Ich versuche und möchte das auch unbedingt ändern. Es klappt aber nicht immer gut.

    AntwortenLöschen
  11. Mein Beileid! Es ist immer ein schwerer Moment im Leben, den man aber wie du auch als Chance nutzen kann, seine Prioritäten noch einmal zu überdenken.

    AntwortenLöschen
  12. Das tut mir wirklich sehr leid. Ich habe mein Vater auch sehr plötzlich verloren, manchmal denke ich das ich mit ihm zu wenig Zeit verbracht habe.

    LG Jasmin

    AntwortenLöschen
  13. Oh liebe Miu, erst einmal mein herzliches Beileid, möge dein lieber Großvater in Frieden ruhen. Es ist nie leicht in so einer Situation und nimmt einen immer mit. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Das Leben zieht so schnell an uns vorbei, da muss man seine Prioritäten setzen. Und Familie geht immer vor, denn wir wissen nie wie viel Zeit uns mit ihnen bleibt. Kopf hoch meine Hübsche, mit dem Tattoo hast du ihn jetzt immer bei dir. Eine wundervolle Geste. Drück dich!

    AntwortenLöschen
  14. Mein aufrichtiges Beileid meine Liebe. Wirklich toll dass du so eine schmerzliche Erfahrung hier so offen teilst und damit anderen Leuten siehts. Ich finde es bewundernswert wie du mit der Situation umgeht und aus so einem schlimmen Verlust sogar noch etwas für dich herausziehen konntest und nun beschlossen hast dein Leben etwas zu verändern. Du hast wirklich recht, man sollte nicht alles als selbstverständlich ansehen und v.a. Zeit mit Familie und Freunden viel mehr einplanen. xxx

    AntwortenLöschen
  15. Das tut mir aber leid :(
    Zum Glück hatte ich so einen Verlust noch nicht gehabt. Ich hoffe das wird mir noch lange erspart.

    Liebe Grüße Lisa
    Pinkybeauty.de

    AntwortenLöschen
  16. Oh, das tut mir sehr Leid für dich :( So eine Nachricht ist sicherlich ein harter Schlag, der einem plötzlich bewusst macht, wie unwichtig viele alltägliche Dinge des Alltages sind, für die wir unsere Zeit vergeuden, anstatt sie unseren Liebsten zu geben!
    Lieber öfter mal einen Gang zurückfahren und schauen, was wirklich! wichtig ist.
    Das Tattoo finde ich eine sehr schöne Geste!


    Liebe Grüße,
    Kiamisu

    AntwortenLöschen
  17. Hallo Miu,
    auch ein Beileid von mir! Ich kenne es zu gut sich plötzlich von jemandem zu verabschieden! Dieses Jahr habe ich selbst wieder eine schmerzvolle Erfahrung gemacht. Ich hatte genau zwei Wochen Zeit in der ich einfach funktionieren musste.

    Alles Liebe!
    Alex.

    AntwortenLöschen
  18. Mein Beileid! Es ist schwer jemanden zu verlieren, den man nahe steht. Er wäre aber sicher stolz auf dich, dass du so schöne Worte gefunden hast!

    Liebe Grüße,
    Saskia-Katharina

    AntwortenLöschen